»Schischyphusch« von Wolfgang Borchert

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Der Sommer ist fast bei uns angekommen und man kann wieder seine Tage im Freien genießen. Zum Beispiel bei einem Gläschen im Café, wie es der Ich-Erzähler mit seiner Mutter und dem Onkel geplant hat. Doch dieser Café-Besuch verläuft ganz anders als erwartet und rührt in seiner charmanten tragikomischen Erzählweise Leser seit Generationen.
Wolfgang Borchert berühmte Erzählung »Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels« über zwei Männer mit dem gleichen Sprachfehler und einem gewaltigen Missverständnis gibt es nun in einer wunderschön von Birgit Schössow illustrierten Neuauflage bei uns.
Wir haben das zum Anlass genommen, um der Illustratorin einige Fragen zu stellen.
Hier findet ihr als Einstimmung den Trailer zum Buch.

Inhalt
Der Onkel groß, laut, reich, satt; der Kellner klein, blass, verbittert, verängstigt. Was die beiden Männer eint, ist ihr Sprachfehler. An einem sonnigen Sommertag geraten sie in einem Gartenlokal aneinander, jeder glaubt, vom anderen nachgeäfft und verhöhnt zu werden. Der selbstbewusste Onkel ist empört über das frevelhafte Verhalten des Kellners, der Kellner nimmt die Demütigung hin, so wie er es schon sein ganzes Leben lang gewohnt ist, und der Erzähler wird Zeuge einer Begegnung zweier Welten. Am Ende hat der Kellner einen Freund fürs Leben gefunden. Wolfgang Borcherts wohl rührendste Erzählung, liebevoll illustriert von Birgit Schössow.

54_55_ok_BorchertWolfgang Borchert
Wolfgang Borchert (1921–1947) gilt als einer der wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein schmales Werk umfasst Kurzgeschichten, Gedichte und ein Drama. Zu seinen bekanntesten Texten gehören Draußen vor der Tür und Nachts schlafen Ratten doch.

 


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54_55_ok_SchoessowBirgit Schössow
Birgit Schössow, geboren und aufgewachsen in Hamburg, wo sie auch an der Fachhochschule für Gestaltung studierte. Inzwischen lebt sie an der Ostsee und arbeitet von dort als Illustratorin für Buch- und Zeitschriftenverlage, unter anderem für den renommierten New Yorker.


Liebe Frau Schössow…

…seit wann arbeiten Sie als Illustratorin?
Seit dem Abschluss meines Studiums verdiene ich mein Geld damit, aber vorher habe ich natürlich schon herumillustriert. Da fällt mir gerade ein: eigentlich ist meine erste honorierte Zeichnung bereits sehr viel früher in einem Buch erschienen. Es waren bemalte Ostereier, die ich zu einem der ersten Bücher meines Bruders beisteuerte. Da war ich etwa 9 Jahre alt und die Zeichnung sollte aussehen als hätte ein kleines Kind sie gemacht. Mein Honorar von damals war wohl ein Kinobesuch.

Was war ihr Lieblingsmotiv als Kind?
Spontan würde ich sagen „Prinzessinnen“ – ich habe zwar auch versucht meinen Hamster zu zeichnen, aber „in Prinzessin“ war ich weit besser.

Gibt es etwas, was Ihnen bei einer Zeichnung nie auf Anhieb gelingt?
Eine Zeichnung ist immer ein Hinarbeiten. Und am nächsten Morgen stellt man manchmal fest, dass der große Wurf von gestern leider nur ein Würfchen war.

Wie sind Sie auf Wolfgang Borcherts »Schischyphusch« gestoßen?
Mein Mann las ihn mir eines Sonntagmorgens vor. Ich kannte ihn vorher nicht – den Schischyphusch, meinen Mann schon. Ich heulte an einigen Stellen so sehr, dass klar war: den muss ich illustrieren – auch, wenn keine Prinzessin und nicht einmal ein Hamster darin vorkommen.

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Welche Figur ist Ihnen die liebste in dem Buch und warum?
Beim Zeichnen verliebt man sich in jede der Figuren. Ich freue mich am beobachtenden, gerissenen Schlemiel, bin während des Entwerfens gespannt, wie er am Ende aussieht. Es ist, als würde ich meinen eigenen Film drehen – der Text steht und ich schneidere Kostüme, bin Locationscout, und mache das Casting und sogar das Catering. Und da gewinne ich jeden Schauspieler und auch die Komparserie lieb. Ich mag den Onkel – und wollte ihn mit einer an Heinrich George erinnernden Figur besetzen. Aber auch Mutter und Sohn und ihre Not in diesem Gartencafé ohne ihr Zutun plötzlich solche Aufmerksamkeit zu erregen – zum Verlieben.

Was gefällt Ihnen am besten an der Geschichte?
Die Wärme, Menschlichkeit – ein Journalist nannte es das „Erkennen“. Da ist der Kellner, der seine tiefsten Gefühle, Ängste offenbart. Und der Onkel, der wiederum die Tiefe besitzt, dies in einem Menschen zu sehen und ans Licht zu holen.
Eigentlich eine Lehrstunde der Psychologie.

vorsatz_1karte_Kopie_kleinDer Stil ist ja sehr weich und nostalgisch. Woher haben Sie die Inspirationen und Motive für diese Illustrationen?
Ich habe dabei an Filme wie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ oder „Menschen am Sonntag“ gedacht und Zille, Trier, Grosz. Aber auch die Werbung der 20er Jahre war inspirierend.
Die Zeichnungen sollten den Text unterstützen, nicht bekämpfen. Deshalb habe ich auf einen expressiven oder „modernen“ Strich verzichtet. Das hätte die zarte Geschichte für mich erdrückt. Um beim Filmdreh-Bild zu bleiben: diese Geschichte im Stil von „Pulp Fiction“ hätte wohl eher weniger funktioniert.

Vielen Dank für das Interview.
Das Buch ist jetzt im Handel erhältlich.


Wolfgang Borchert, Birgit Schössow (Illustrator)
SCHISCHYPHUSCH oder Der Kellner meines Onkels

9783455370348

 

ISBN 978-3-455-37034-8
Gebunden
64 Seiten
Erschienen 10.03.2016

20,00 (D), 20,60 (A), 26,90 (CH)